Märchenonkelig

Medtner und Schostakowitsch bei Spectrum

Märchenonkeltreffen im Kammermusiksaal: Wenn Nikolaj Karlowitsch Medtner der nostalgische Geschichtenerzähler war, dann war Schostakowitsch das Väterchen mit den nicht endenden Gruselstories. Beide Haltungen haben ihre eigene, auch biografisch beglaubigte, Wahrheit. Kaum ins Hirn zu kriegen aber, dass Medtners Klavierquintett C-Dur und Schostakowitschs e-Moll-Trio ungefähr gleichzeitig entstanden.

Oder auch alles andere als gleichzeitig. Dann Medtner arbeitete an seinem Quintett, das erst 1955 und damit vier Jahre nach seinem Tod uraufgeführt wurde, anscheinend ein halbes Jahrhundert lang. Zum Glück nicht durchgehend, es gibt ja sehr viel andere Klaviermusik von ihm und auch mehrere Klavierkonzerte.

Was Medtner an diesem Quintett quasi lebenslang fesselte, ebenso die wohl eingeschriebenen religiösen Ebenen, das wird bei der Aufführung im aktuellen Spectrum-Konzert nicht auf Anhieb deutlich. Erstaunlich nebulös wirkt das Klangbild. Die Musiker sind gewiss erstrangig, aber weite Bögen der Erzählung und des Miteinander wollen nicht recht entstehen. Ist das nun ein Anstoß, weniger oder doch eher mehr Kammermusik des weitgehend vergessenen Medtner zu spielen und zu hören? Seine ebenfalls vorgetragenen zwei Canzonen für Violine und Klavier sind nur scheinbar und anfangs leichte Kost, simpel gehts los und wird dann verblüffend komplex. Der Geiger Boris Brovtsyn, auch im Quintett eine Bank, hat Erstaunliches zu absolvieren.

Noch packender wirft sich Clara-Jumi Kang als Geigerin in Schostakowitschs Klaviertrio e-Moll Opus 67 von 1944. Das Pfeifregister auch im Cello (Torleif Thedéen), die steinernen Akkorde des Klaviers lassen einen an den Satz des eben verstorbenen Jean-Louis Trintignant denken: „Man muss lernen, ohne Trost zu leben.“ Im Gegensatz zu Medtners Verheißungen wirkt aber, zumindest an diesem Abend, gerade das Trostlose doch irgendwie tröstlicher. Das ist auch ein Wunder der Musik. Gewiss ist hier aber auch die Interpretation prägnanter, intensiver. Die spröde Todtraurigkeit des Largo hat was vom Gang über einen Friedhof, auf dem keine Vögel zwitschern und keine Eichhörnchen herumwitschen. Statuarisch die Streicher; und so beginnt im finalen Allegretto dann etwas Seltsames wie ein steinerner Tanz. Man muss lernen, ohne Trost zu tanzen.

Filmmusiken von Schostakowitsch, arrangiert für Klavier und zwei fast durchgehend unisono spielende Violinen, stehen am anderen Ende des Spektrums. Das ist gekonnter Kram, den man sich locker ein paar Stunden anhören würde. Aber genau hinlauschen lohnt. Nur bei der Polka könnten die beiden gesitteten Geiger ruhig mal mit dem Fuß stampfen.

Unter Besuchermangel leiden gerade alle, bis hinauf zur luxuriösen Operngala. Aber für die ambitionierte, verdienstvolle Spectrum-Reihe ist es besonders hart; und um die wäre es besonders schade. Jedoch bitte keine Grabgesänge, die Konzertplanung steht ja bis 2024. Aufgenommen wird auch: Aktuell erscheint ein Tanejew-Album, noch so ein zu selten gespielter Märchenonkel, russische Kammermusik vom Feinsten.

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