Fragmentelig: DSO spielt Strawinsky, Mahler, Lang und Pärt

Wenn Onkel Igor dir am Telefon erzählt, welche Teile vom Requiem er sich für seine Komposition ausgesucht hat

Im hohen Alter hat man keine Zeit mehr zu verlieren! Entsprechend ungeduldig saust der über 80jährige Igor Strawinsky in seinen Requiem Canticles von 1965 durch den liturgischen Text. Dieses Spätwerk steht im Zentrum des Konzerts, mit dem das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und sein Chefdirigent Robin Ticciati ihre Saison eröffnen und sich zugleich in den Strawinsky-Schwerpunkt des Musikfests einreihen. Frappant ist der Kontrast zu Gabriel Faurés Wellness-Requiem aus dem späten 19. Jahrhundert, das vor einer Woche vom Orchestre des Champs-Élysées und dem Collegium Vocale Gent in der Philharmonie zu hören war. Voller Zuversicht war das, ohne die bumpsenden Schreckensteile. Der alte Strawinsky hat auch ausgewählt, aber er hat genau andersrum alles Erbauliche weggelassen: weder Kyrie bei ihm noch Sanctus, kein Agnus Dei und nix mit Lux aeterna. Stattdessen volle Packung Totensequenz, ebenjenes haarige Dies irae, das nicht erst dem friedfertigen Fauré misshagte.

Ungeschwätzig sondergleichen ist das. Eine Viertelstunde letzte Dinge. Von einem Taschenrequiem aus Fragmenten sprach Strawinsky. Mehr als Knallen und Schmettern ist da Zischen, und der von Gijs Leenaars vorbereitete Rundfunkchor zischt sehr famos. Die Exaktheit der Einstudierung ahnt man als Hörer eher, als dass man sie erfasste, der späte Strawinsky macht auch das Glänzen nicht leicht. Durchs Libera me (einen fakultativen Requiem-Teil, der hier der Sequenz angehängt ist) geht es sogar flott im halben Sprechgesang, bis zum hingehauchten letzten Ausruf. Errette mich, das war also Strawinskys (fast) letzter Seufzer – um den Titel der Erinnerungen von Luis Buñuel anzudeuten, der vielleicht irgendwie in der Filmgeschichte etwas Ähnliches war wie Strawinsky in der Musik des 20. Jahrhunderts (ohne dass ich das jetzt genauer ausführen könnte, muss mal drüber nachdenken).

Jedenfalls, nach dem Libera me folgt bei Strawinsky noch ein minimalistisches Schlussgruppengeläut, die dritte und letzte Instrumentalinsel. Mit einem konzentrierten Streichervorspiel ging’s los, und ein Zwischenspiel der Bläser gab’s nach dem Tuba mirum, in dem Bassbariton Matthias Winckler von Trompeten und Fagotten begleitet wird. Das überrascht einen nicht, dass Strawinskys Posaune das Fagott ist – das Strawinsky-Instrument schlechthin. Winckler macht seine Sache ebenso gut wie die andere Solistin, Catriona Morison, Mezzosopran, die das Lacrimosa deklamentiert. Alles in allem also wieder alles drin, was den späten Strawinsky ausmacht, Reduktion und karge Spiritualität und sublimierte Sinnlichkeit, und der Kuss von (damals aber schon nicht mehr ganz) avantgardistischer Reihentechnik und Rückgriff auf Renaissance-Polyphonie.

Es ist ein typisches Robin-Ticciati-Programm, das viel will und groß denkt, sehr frei, aber nicht immer aufgeht. Manchmal auch gar nicht. Wahrscheinlich kann später Mahler nach spätem Strawinsky überhaupt nicht funktionieren. Auch wenn Gustav Mahlers Adagio aus der nicht vollendeten 10. Sinfonie Fis-Dur Fragment (allerdings nicht beabsichtigtes) ist wie Strawinskys Requiem Canticles, sprechen diese Musiken nicht miteinander. Der Gesichts- bzw Ohrpunkt des „Fragments“ trägt nicht. Ich habe auch den Eindruck, dass Ticciati dem an sich lebenserschütternden Adagio Luft zum Atmen nimmt, oder den Schmelz auch und gerade am Rand des Abgrunds. Und auch wenn der berühmt-berüchtigte Schreckensakkord vulgo Schreckenscluster seine Schreckenswirkung kaum verfehlen kann, lässt dieser Mahler mich – obwohl tadellos durchgearbeitet – erschreckend kalt.

Wenn du nur auf Mahler & Strawinsky geachtet hast, aber dich Lang & Pärt am Kragen packen

„Er macht schöne sinnige Programme, die er einfach noch nicht erfüllen kann“, sagt ein regelmäßiger Konzertbesucher über Robin Ticciati, sehr wohlwollend. Auch wenn es bei der Programmkomposition dieses Abends eine Kluft zwischen Ambition und Plausibilität gibt, ist dafür die erste Konzerthälfte so reich, dass alles seine eigene Schlüssigkeit hat. Der Abend beginnt mit Klaus Langs ‚Ionisches Licht‘, komponiert letztes Jahr für Donaueschingen und jetzt aufgepimpt für großes Orchester. Das Stück ist überaus gewinnend, weil es die Klangmöglichkeiten des Riesenklangkörpers betörend ausschöpft. Nuancen und Wucht, statt der Kratz- und Pochschrulligkeiten, mit denen manche Gegenwartsmusik zufrieden ist. Mit einem Forte-Akkord beginnt’s, die Streicher schrubben dann, was das Zeug hält, gleißender Klang, tief im Lichtschaum sprudeln Flötenfiguren auf. Wenn später tiefe Klänge von Kontrabässen, Posaunen, Basstuba einsetzen, ist das packend körperliches Hör-Erleben – bis in Beruhigung und Stille, in die ‚Ionisches Licht‘ ausklingt. Ein bisschen Morton Feldman, ein bisschen Twin Peaks, aber nicht die Titelmusik, sondern schon stark Richtung Rotes Zimmer. (Meine Frau hingegen meint, den richtigen Soundtrack für Raphaela Edelbauers Roman DAVE zu hören.)

Jede Menge Pochen und Kratzen gibt es danach in Arvo Pärts Cellokonzert „Pro et contra“, einem Frühwerk von 1966 (also direkter Zeitgenosse von Strawinskys Requiem Canticles). Es hat noch nichts mit dem späteren Pärt-Stil zu tun, eher ziemlich Schnittke-like. Der DSO-Cellist Valentin Radutio führt es mit viel Witz, Kompetenz und skurriler Darstellungskunst auf. Die schabende und klopfende Klangerkundung vom Beginn führt nämlich schnell in ein herrlich wüstes Spektakel, urkomisch. Unterbrochen und auch abgeschlossen wird das Ding von Barockkadenzen, aber fetten, nach Art der 1960er-Jahre-Fest-&-Pracht-Barocks. Neun Minuten, das Publikum johlt vor Freude.

Und das durchkonzeptualisierte Fragment- und Collagen-Programm erweist sich im Rückblick eher als Wundertüte. Und ist als solche eminent prima!

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